Von der Schere im Kopf

Gerne hätte ich anonym gebloggt und es wäre mir auch sicherlich irgendwie gelungen, hätte ich mir genügend Mühe gegeben. Aber je mehr ich hier reinwachse, desto mehr wächst das Bedürfnis die Beiträge nicht irgendeinem Pseudonym zuzuschreiben. Was aber letztendlich die ach so gewünschte Anonymität vollends tötet, ist die Notwendigkeit eines Impressums in deutschen Blogs.

Ich muss zugeben, dieses Projekt konnte nur wachsen, weil ich mich sicher gefühlt habe. Die Sicherheit, dass erstmal, auf den ersten Blick eh niemand weiß “wer ich bin”, hat mich unheimlich angespornt. Bisher habe ich Blogs immer geschlossen, weil ich nach etwa einem Jahr merkte, wie wenig von mir in den alten Beiträgen noch drinsteckt. Ich lese sehr viel, ich erlebe Dinge und ich erweitere meinen Horizont ständig und “die dummen Ansichten von damals” werden mir manchmal schon nach kürzester Zeit peinlich. Das bedeutet nicht, dass ich meine Meinung komplett ändere, sondern lediglich, dass ich mich weiterentwickle. Manchmal sehe ich Beiträge auch wie Entwürfe von Gedanken, die niemals zuende gedacht wurden. Man macht eine Aussage und erst durch andere Einflüsse merkt man, an welchen Stellen man etwas vergessen oder nicht berücksichtigt hat, manchmal merkt man auch, dass man einfach falsch lag. Vielleicht ist das hier nun auch eine Chance mich dabei zu begleiten.

Viel schlimmer als das ist aber die Schere im Kopf. Wenn ich beispielsweise das Thema Kinderpornografie nehme und mich kritisch zu den Plänen von Ursula von der Leyen äußere, eine Petition mitzeichne und in den folgenden Tagen Aussagen von PolitikerInnen lese, die sich Menschen wie mir gegenüber beleidigend und respektlos äußern und die mich und viele andere in eine schmutzige Schublade stecken… Dann frage ich mich auch, was wohl passieren mag, wenn sich unsere Gesellschaft und unsere Gesetze verändern und die freie Meinungsäußerung mir gleichzeitig ganz heimlich einen Stempel aufgedrückt hat.

Auch ist es immer schwierig, wenn Menschen im Umfeld zuerst das Blog kennen, bevor sie einen Menschen kennen. Erst gestern habe ich in irgendeinem Artikel gelesen, wie toll es sei, über Twitter mit Menschen in Kontakt zu treten die man sonst nie kennengelernt hätte. Was ist aber, wenn der erste Twittereindruck so ungünstig ist, dass es die Person gleich vermeidet ein Kennenlernen im realen Leben zu verwirklichen? Oder was machen wir, wenn unser potenzieller Arbeitgeber unsere Interessen gar nicht so gut findet? Es geht ja nicht nur um die vielbesprochenen Saufbilder bei StudiVZ, es geht ja auch um Meinung, Ansichten und Ideen.

Diese und viele andere Faktoren hinderten mich immer wieder daran zu bloggen. Politisch zu bloggen, Meinung zu bloggen, feministisch zu bloggen. Was mich letztendlich aber daran hindert es zu lassen ist das Bedürfnis nach Freiheit, freier Meinungsäußerung, politischer Freiheit, freier Entscheidung. Darum wird das hier nie ein Blog über mein iPhone, meine Katzen und meinen Kleiderschrank.

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