Zweites Semester – Persönliches
Habe es geschafft für mich selbst ein wenig Geschwindigkeit aus meinem Studium zu nehmen, auch wenn ich das Tempo an sich nicht sonderlich beeinflussen kann. Das Semester war kurz, der Stoff nicht einfach und ich kann gar nicht mehr zählen, wie häufig ich kurz davor war, es einfach sein zu lassen. Nicht, weil mich die Inhalte nicht interessierten, sondern ganz einfach weil mir irgendwelche Abgabetermine und Klausuren und die bis dahin zu erledigende Fülle von Aufgaben überforderten. Aber ich hatte Hilfe und das war gut. Mein Wissen und Können hat sich innerhalb dieses Semesters enorm gesteigert. Am Ende bin ich zwar erneut an einer einzigen Klausur gescheitert, obwohl ich den Stoff vollkommen drauf hatte und jede Minute in den letzten Wochen der Lernerei gewidmet habe, jedoch sehe ich an der Durchfallquote von über 70%, dass das absolut nicht meine Schuld ist. Trotzdem verfolgen mich natürlich ein paar Gedanken daran, dass so ein Studium sehr schnell an solch unfairen Klausurbedingungen scheitern kann.
Zweites Semester – Etwas mehr Sexistisches
Im zweiten Semester haben die Menschen die anfangs noch etwas orientierungslos umherirrten zusammengefunden. Es bilden sich Grüppchen, man findet ab und zu mal etwas Zeit sich zu unterhalten und die Verhältnisse ändern sich. Erstmal ein bisschen was zur “Geschlechterverteilung”, weil ich immer wieder nach Zahlen gefragt werde. Wir sind zwei Informatikstudiengänge mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In meinem Schwerpunktfach sind nun noch (inlusive mir) zwei Frauen (von etwa 16-18 Menschen) übrig, während im anderen Schwerpunktfach noch vier studieren (etwas über 30 Personen dort). Zwei von den Vieren haben bereits Kinder und das Studium stellt somit teilweise eine Doppelbelastung dar. Die beiden anderen erschienen gar nicht bis wenig zu Vorlesungen und anderen Veranstaltungen, ebenso zu den Klausuren am Ende. Wir hatten dadurch leider nicht sehr viel miteinander zu tun, wobei sie für mich als “Außenstehende” doch alle vier eine mehr oder weniger feste Lerngruppe für sich waren. Auch eine bewusste Abgrenzung gegenüber den restlichen Leuten war nicht zu übersehen. Erst gegen Ende des Semesters haben wir ein paar Worte mehr gewechselt als sonst. Bisher hatte ich auch mit meiner einzigen Kommilitonin meines Schwerpunktes und Semesters nicht viel zu tun, was sich jedoch zur Klausurzeit hin komplett änderte und für mich gefühlsmäßig eine echte Erleichterung darstellte. Es ist wirklich eine größtenteils unbewusste Sache, dieses “sich allein unter Fremden fühlen”, was mich davor immer ein bisschen begleitet hat. Außerdem ist es schwer, dieses Gefühl zu beschreiben und meine männlichen Kommilitonen können es nicht wirklich nachvollziehen.
Jedenfalls wurde mir dieses Semester mal wieder bewusst, wie indirekt bestimmte Dinge vermittelt werden. Es gibt zwei Beispiele an die ich mich sicherlich noch eine Weile erinnern werde und die mir nun so spontan noch einfallen, weil sie noch nicht allzu lange her sind.
Ein guter Freund von mir hatte mir vom Linuxtag ein Android T-Shirt geschickt. Habe es dann sofort angezogen und ging damit zu einer Vorlesung, als ein Kommilitone auf mich zu kam und fragte “weißt du denn überhaupt, was das auf deinem T-Shirt bedeutet”? Ich antwortete nur “sonst würde ich es wohl kaum tragen, oder?” und war doch ein wenig verwundert, wie man dazu kommt jemanden sowas zu fragen. Gleichzeitig war mir mal wieder klar, dass er das einen anderen Kerl vermutlich kaum gefragt hätte.
Die zweite Situation war etwas weniger subtil. Sie ereignete sich vor irgendeiner Klausur als alle ganz nervös morgens vor dem Raum standen und sich unterhielten. Ein anderer Kommilitone als der im vorherigen Beispiel kam dazu und gab jedem zur Begrüßung die Hand. Er ging die ganze Reihe durch, obwohl es sehr viele Leute waren. Als er bei mir und einer anderen Frau ankam, stoppte er, drehte sich um und machte bei den restlichen Männern daneben weiter. Nicht, dass ich darauf bestünde, dass mir irgendein Kerl den ich nur flüchtig kenne die Hand zur Begrüßung gibt… diese komische Aktion jedoch war wieder wie so eine Art Ohrfeige, ein kleines “du gehörst nicht dazu” zur Erinnerung.
Neben diesen “Alltäglichkeiten” gab es dieses Semester auch noch die ein oder andere Vorlesung an die sich sehr viele wohl noch eine Weile erinnern werden. Es ging beispielsweise um das Thema Bussysteme und der Dozent wollte ein besonders anschauliches Beispiel “aus dem Leben” nutzen um den Zugriff auf einen Bus durch verschiedene Teilnehmer und dessen Verfügbarkeit möglichst einprägsam zu erklären. Jedenfalls verglich er im Zuge dessen den Bus mit einer Prostituierten in einem Bordell. Weitere Erläuterungen kann und sollte ich mir wohl sparen. Interessant ist vielleicht noch, dass er anschließend anmerkte “das war doch jetzt nicht frauenfeindlich oder?”, keine Antwort erhielt und daraufhin in der Pause von fünf anwesenden Frauen vier nach Hause gingen.
Bei einer anderen Vorlesung kann ich nur von den Informationen eines Kommilitonen berichten. Zu Beginn der Veranstaltung waren noch keine weiblichen Personen anwesend und der Dozent nutzte dies als Anlass um ein Video darüber zu präsentieren, in dem es scherzhaft darum ging, wie ein (natürlich männlicher) Nerd die passende Lebensabschnittsgefährtin findet. Habe das Video (was mir hinterher gezeigt wurde) jetzt nicht da, kann mich aber gut daran erinnern, dass es unter Anderem darum ging “wenn Frau labert, einfach so tun als ob dich das blöde Geschwätz interessiert” usw. Pünktlich zum Ende des Videos kamen eine Kommilitonin und ich gleichzeitig zu spät zur Vorlesung. Was für ein Timing.




10 Responses to “Zwei Semester.”
[...] hat das zweite Semester Informatikstudium überstanden, leider inklusive Sexismus, und blickt auf Barrieren, die Frauen an der Entfaltung ihrer Potentiale [...]
da wird der dozent sich sehr bestätigt gefühlt haben ob dieser souveränen reaktion. fein gemacht, mädels.
Ich denke vieles ist soziale Unangepaßtheit, die leider in der Informatik recht weit verbreitet ist. Es sind halt viele Leute dabei, die eher eine Beziehung zu einem Computer aufbauen als zu anderen Menschen. Mit Frauen kommen diese leider dann noch weniger zurecht, weil sie da zum einen viel Unsicherheit und Ablehnung erfahren haben und vielleicht auch wiel viele Frauen ein wesentlich besseres Gespür für soziale Situationen haben und dadurch ihre soziale Unangepaßtheit eher bloßlegen.
An welcher Uni studierst du denn? Tübingen? (Gerne auch per Mail antworten.)
Insbesondere bei sexistische Äußerungen von Dozenten, wie in anderen Blog Postings hier geschildert, sollte umgehend der/die Frauenbeauftragte der Fakultät informiert werden. Es kann nicht sein, dass Teile der Zuhörerschaft diskriminiert werden, der Dozent begibt sich hier auch juristisch in eine für ihn selbst gefährliche Lage. Der/die Frauenbeauftragte kann z.B. den Dozenten direkt auf sein Fehlverhalten hinweisen, das Thema aber auch im Fakultätsrat zur Sprache bringen. Sollte die Reaktion der/des FakultätsfrauenbeauftragteN ungenügend erscheinen, kann der Fall auch z.B. zur/zum Frauenbeauftragten der Universität eskaliert werden.
Traurig aber wahr: So etwas erlebt man ziemlich oft, nicht wahr?
Einmal bei mir- wir hatten eine Projekarbeit in Konstruktion/CAD und ich mit meinen 2 Freundinnen waren die einzige reine Frauengruppe- da kam der Dozent doch tatsaechlich zu uns her und hat gemeint “das wird am Anfang vielleicht schwierig sein fuer euch, aber ich kann euch ja helfen!”
Zu einer reinen Maennergruppe haette er das nie gesagt, “die koennen das ja”.
Spaeter bei der einmal im Semester stattfindenden DozentInevaluierung habe ich mich dann ueber ihn beschwert, was fuer ihn lediglich Anlass war, sich bei der naechsten Vorlesung darueber lustig machen, denn es seien ja “sogut wie eh keine Maedls in dem Kurs”….
Aber Du schreibst gar nichts von Deinen Reaktionen – gab es die überhaupt??
Was wäre denn einzuwenden gegen Sprüche wie
“Du kannst mir ruhig die Hand geben – ich drück auch nicht so fest zu”
oder
“Ja, Herr Dozent, das Prostituierten-Beispiel war leider sexistisch, ich würde sie bitten, ihre sexuellen Erfahrungen im Hörsaal nicht zum Thema zu machen.”
oder
“Können Sie mir vielleicht den Link zu dem Film mit den Paarungstipps für Informatiker geben? Da scheine ich ja was verpasst zu haben…”
Im Berufs/Uni-Leben weht einem halt manchmal arg der Wind ins Gesicht… da sollte frau sich drauf vorbereiten!
Ach übrigens, hier ist ein netter Podcast von einer Schlagfertigkeits-Trainerin.
http://www.dasabenteuerleben.de/index.php?id=25&cid=1200
@Agnes Ich sags mal so…. hinterher, mit etwas Distanz oder ohne persönlichen Bezug ist man immer schlauer.
Vorallem kann Dozenten nicht immer so direkt begegnet werden, da in Leistungsbewertung bei einigen auch persönliche Dinge einfließen.
Hallo Side-glance,
Lass dich nicht unterkriegen!!
Versuch trotzdem mal mit deinem Dozenten zu reden.
Momentan kommt so ein bisschen rüber, als ob ihr Mädels euch alles bieten lässt und brav lächelnd da sitzt (um es mal überspitzt zu formulieren).
Trau dich nur. Die meisten Profs finden Leute, die nicht zu allem Ja und Amen sagen meist recht gut….
Viele Grüße
Die Pumpgun
Hey!
Erinnert mich an vieles was auch in meinem TI-Studium passiert ist… sexistische Profs sind wohl Dinosaurier die nur langsam aussterben. :-(
Aber halte auf jeden Fall durch, die Arbeit die du in den ersten Semestern investierst zahlt sich in den höheren aus, und spätestens in nem Jahr wirst du merken, dass sich alle Unterschiede in den Skills zwischen den Studenten angeglichen haben.
Viel Erfolg bei allem was du noch vorhast!