Barrieren-Serie: Nr. 3 Aufwachsen mit oder ohne Computer

Nach über einem Jahr setze ich sie nun endlich fort. Dies ist meine kleine Serie von Artikeln über die Barrieren, die Frauen davon abhalten sich einem noch männlich dominierten Interessengebiet zuzuwenden und die bereits interessierte Frauen sogar dazu bringen, sich davon abzuwenden.

Über dieses Thema wollte ich schon sehr lange schreiben. Ein Blogpost auf Geekfeminism hat mich nun glücklicherweise daran erinnert. Dort geht es um Privilegien und darum, dass es in der Geekkultur allgemein bisher kein Thema war, aus welchen Gründen der Zugang zu Computern für verschiedene Personen völlig unterschiedlich aussieht. Vor allem auch, dass der frühe Besitz eines Computers keineswegs mit angeborenem Interesse oder besonderen Fähigkeiten zu tun hat. Dies ist auch, aber nicht ausschließlich ein Gender-Thema. Ebenso geht es um Dinge wie Herkunft, familiäre Hintergründe, sozialen Status und finanzielle Möglichkeiten.

Wenn wir uns daran erinnern, wie wir aufgewachsen sind, fallen uns nach und nach viele Dinge ein, mit denen wir uns gern beschäftigt haben. Mit Sicherheit gab es da auch Dinge mit denen wir uns weniger gern beschäftigt haben und Dinge, mit denen wir uns aus Gründen die uns nicht immer (sofort) bekannt sind gar nicht oder wenig beschäftigt haben. Unterhalte ich mich mit meinem Freund (der ebenfalls Informatik studiert), beginnt dieser sehr schnell in Erinnerungen zu schwelgen, die damit zu tun haben wie viel ihm während seiner Kindheit im Bereich der Informatik bereits spielerisch beigebracht wurde. Blicke ich auf seine bisherigen Vorkenntnisse im Programmieren, muss ich mich oft sehr anstrengen nicht vor Neid zu platzen. Die Tatsache, dass er damit bereits vor seinem zehnten Lebensjahr begann und es daher nicht an meiner Lernfähigkeit liegt, tröstet mich jedoch ein wenig darüber hinweg. Doch was hat er, was ich und einige andere in meinem Studium nicht haben?

Er hatte jemanden, der die nötigen Kenntnisse, die Zeit und das Engagement besaß ihn zu motivieren und ihm etwas beizubringen. Er hatte sehr früh den weitestgehend uneingeschränkten Zugang zu entsprechender Hardware und die Möglichkeiten sich diesbezüglich im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln. Denn: Seine Interessen wurden nie von Freunden oder Familie in Frage gestellt, sie wurden sogar geweckt und gefördert.

Meine eigene Computervergangenheit sieht ein bisschen anders aus. Dennoch bin ich heute der Person dankbar, die mir doch recht früh in meinem Leben einen Computer schenkte. Ich weiß nicht mehr genau wie alt ich war, ich schätze ich müsste ungefähr 11 gewesen sein. Auch ohne großartige Anleitung wurde das nach und nach mehr und mehr mein Ding, mich mit diesem Teil zu beschäftigen. Dennoch beschränkte ich mich lange Zeit auf Spiele und später auf Internetchats, bis ich eines Tages begann, mir HTML beizubringen und sowohl allein, als auch gemeinsam mit einer damaligen Freundin Webseiten zu erstellen (sie studiert nun übrigens Sportwissenschaften und hat nach eigener Aussage überhaupt keine Ahnung von Computern). In der Schule besuchte ich dann einen Programmierkurs, wo ich schon damals das einzige Mädchen und noch dazu die einzige Person aus meiner Klasse war. Ich erinnere mich nur noch sehr düster daran, dass einige Jungs schon damals aus meiner Sicht mehr Erfahrung hatten und bereits mit zahlreichen Programmierideen zur Veranstaltung kamen. Leider sollte diese Veranstaltung nicht der Ort werden, an dem ich den Einstieg in die Programmierung fand, denn die Programmiersprache (IBM APL2) war für AnfängerInnen äußerst ungeeignet (mir ist bis heute nicht ganz klar, für wen oder was sie zu dieser Zeit und heute überhaupt geeignet sein sollte ;)) und somit ging ich jedes Mal eher entmutigt nach Hause. Erst Jahre später, als ich in meiner Ausbildung Java lernte, bekam ich ein bisschen mehr den Einstieg, den ich mir damals in der Schule gewünscht hätte. Leider aber der Lehrer Deutschlehrer, der irgendwie nebenbei Kurse belegte um SchülerInnen das Programmieren beizubringen. Bis zum Beginn meines Studiums konnte ich also die Unterrichtsversuche anderer unter “gut gemeint, aber weniger nützlich” ablegen.

Jedoch sind auch meine Erfahrungen keine Selbstverständlichkeit, denn auch wenn mein Weg eher holprig war, hatte ich ebenfalls bereits früh uneingeschränkten Zugang zum eigenen Computer und ein wenig später auch zum Internet. Meine Familie hat meine Interessen stets respektiert, auch wenn sie mich nur sehr sehr eingeschränkt mit eigenem Wissen unterstützen konnten.

Eltern und Angehörige treffen Kaufentscheidungen von finanziellen Mitteln abgesehen aufgrund verschiedener Annahmen, Erfahrungen, Hoffnungen und auch aufgrund von äußeren Einflüssen. Bestehende Stereotypen (Spielzeug für Mädchen, Spielzeug für Jungs) leisten ihren nicht unwesentlichen Beitrag dazu, wer in welchem Alter bereits Zugang zu Technologie in welcher Form erhält. Leider ist Informatik ein Studienfach, bei dem sich viele Menschen die in ihrer Kindheit und Schulzeit wenig Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln konnten oft so fühlen, als ob sie das enorme Wissen anderer niemals einholen könnten. Manchmal entspricht dieses Gefühl auch der Realität und persönliche Pläne scheitern an mangelnden Vorkenntnissen, wenn sich der Stoff unmöglich in kürzester Zeit erlernen lässt.

Hier ist die Barriere, die Frauen und Mädchen zurückhält, der Vorsprung anderer erscheint unaufholbar und entmutigt. Manchmal ist diese Vorsprung real und messbar, oft täuschen jedoch einzelne Aussagen von Menschen die dazu tendieren sich selbst und ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Auch besteht in unserer Gesellschaft ein teilweise sehr falsches Bild davon, was genau Informatik, IT, “Technik” oder auch ganz allgemein die Beschäftigung mit Computern eigentlich sind.

Als sehr detaillierte Informationsquelle zum Thema aufwachsen mit oder ohne Computer empfehle ich die ersten Kapitel von “Unlocking the Clubhouse Women in Computing” von Jane Margolis und Allan Fisher.

7 Responses to “Barrieren-Serie: Nr. 3 Aufwachsen mit oder ohne Computer”

  1. Helga sagt:

    Bei mir ist es echt ähnlich. War mit meinem besten Freund schon während der Grundschulzeit online, als es eigentlich noch nichts zu sehen gab außer astronomischen Aufnahmen, habe auch Computer selbst zusammen gesetzt und Informatik in der Schule gehabt. Für einen Webshop habe ich noch HTML gelernt, um Produkte reinzustellen. Trotzdem(!) konnte ich mich nicht überwinden, Informatik zu studieren – immerhin bin Ingenieurin geworden.

  2. [...] überstanden, leider inklusive Sexismus, und blickt auf Barrieren, die Frauen an der Entfaltung ihrer Potentiale [...]

  3. Yuliyah sagt:

    Hallo, ich studiere auch (Philosophie und) Informatik und habe mir in letzter Zeit selbst Gedanken über dieses Thema gemacht. Ich habe nämlich auch ein wenig melancholisch in Erinnerungen geschwelgt und habe so gedacht, aus mir hätte auch ein richtiger Nerd werden können, wenn ich dorthingehend gefördert worden wäre. Dieser Post bei Geekfeminismus hat mich dann auch in meinen Überlegungen bestätigt, dass es ein Privileg ist, dieses Wissen erwerben zu können.

    Meine Eltern hatten weder die finanziellen Möglichkeiten, noch das Know-How, um mich auf diesem Gebiet fördern zu können. Und weil ich weiblichen Geschlechts bin, vielleicht auch nicht die Motivation… (?) Denn gefördert haben sie mich sehr, aber eher in kulturellen, künstlerischen Gebieten.

    Ich habe auch zwei Semester lang etwas anderes studiert, bevor ich mich in die Informatik getraut habe. Und es ist so unfair, dass die meisten Leute das alles schon können, was ich neu lernen muss.
    Es gibt einem das Gefühl, dass sie immer schon da sind, wo man hin will, wie in der Fabel vom Hasen und Igel, die ein Wettrennen machen.

  4. Christian sagt:

    Teilweise sind es aber auch einfach unterschiedliche Interessen der Jungen und Mädchen selbst.
    Meine Schwester und ich hatten zB bei der Konfirmation jeweils ungefähr die gleiche Menge Geld bekommen. Sie hat sich eine sehr gute Stereoanlage gekauft, ich mir einen Computer. Wir waren beide sehr glücklich mit unserer Entscheidung. Sie wäre nie auf die Idee gekommen Computerspiele zu spielen, weil die sie nicht interessierten und hörte lieber mit Freundinnen Musik, ich spielte mit Freunden Computerspiele.

  5. Elke sagt:

    @Christian: Diese unterschiedlichen Interessen werden ja gesellschaftlich determiniert. Kinder erfahren mehr positive Reaktionen, wenn sie sich genderkonform verhalten. Fernsehsendungen, Bücher, Musiktexte etc. reproduzieren ebenso die Genderschablonen. Da ist’s kein Wunder, dass Deine Schwester und Du typische Mädchen- bzw. Jungs-Interessen hatten.
    Ich bin deshalb auch sehr froh über diesen Post – s ist immer gut, sich der Mechanismen, die Genderschablonen schaffen, bewusst zu werden.
    Und @Helga und @Yuliyah: Yay! Feine technische Ausbildungen macht/habt Ihr da!

  6. stephen sagt:

    Und nachem 3 Semester dann die nächsten 1-2 Posts?

  7. side-glance sagt:

    Jap Stephen! Irgendwie muss ich ja gewährleisten, dass du mit dem Lesen noch nachkommst..

Leave a Reply

  •  

    Juli 2010
    M D M D F S S
    « Mai    
     1234
    567891011
    12131415161718
    19202122232425
    262728293031